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Mittwoch, 20. August 2014 von Prof. Dr. Helmut Ebert

Verständliche Gesundheitsinformation – Vortrag vor Spitzenverband

Lesen Sie einen Gastbeitrag von von Prof. Dr. Helmut Ebert (Bonn/Bochum)

Bochum: Prof. Ebert befasst sich als Sprachwissenschaftler mit der Verständlichkeit von schriftlichen Gesundheitsinformationen. Am 15. Juli 2014 hielt er in Essen einen Vortrag über Textqualität und Textwirkung. Eingeladen hatte der Medizinische Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen e.V.  Im Folgenden stellt Prof. Ebert Beispiele für häufige Fehler vor und gibt Tipps, wie man Gesundheitsinformationen verbessern kann. 

Beispiel 1: Fehlender Erklärungszusammenhang

In einer Broschüre über Kariesprophylaxe bei Kindern und Jugendlichen finden sich unter anderem folgende Aussagen: „Durch Karies entstehen Löcher. Löcher können schmerzen. Bakterien im Zahnbelag und häufiger Zuckerkonsum sind die Hauptursachen für schadhafte Zähne.“ Zum wirklichen Verstehen, wie Karies entsteht, fehlt im Text der Hinweis auf die den Zahn zerstörende Säure, die anfällt, wenn Bakterien Zucker verstoffwechseln. Unklar bleibt, ob die Ausdrücke „Karies“ und „schadhafte Zähne“ bedeutungsidentisch sind oder nicht.

Beispiel 2: Riskanter Vergleich

In der Debatte über Sinn und Unsinn von Mammographie-Reihenuntersuchungen reagiert ein Mediziner mit folgenden Worten auf ein Argument der Skeptiker: „Die Argumentation, dass hunderttausende Frauen untersucht werden, ohne etwas zu entdecken [sei] nicht stichhaltig. Das sei bei jeder Reihenuntersuchung der Fall. Um einen gefährlich Erkrankten zu finden, müssten Tausende zur Vorsorge. Das sei wie beim TÜV […] Da würden auch Millionen von Autos untersucht, die technisch in Ordnung sind – um wenige zu entdecken, die den Verkehr gefährden“. Das Problem des Vergleichs berührt die Akzeptanz der Aussage durch die Leser. Akzeptanz und Verständlichkeit sind die wesentlichen Kriterien für Kommunikationserfolg. Der TÜV-Vergleich ist verständlich, aber wenig akzeptabel. Wenig akzeptabel ist der Vergleich, weil er gleich zweifach „hinkt“: Einem Auto macht eine TÜV-Untersuchung keine Angst. Wer an Krebs erkrankt ist, gefährdet nicht andere Menschen.

Beispiel 3: Schwache Distanzierungssignale

Der Konjunktiv ist immer dann notwendig, wenn es darum geht, die kommunikationsethische Verantwortung für den Wahrheitsgehalt von Aussagen klar zu kennzeichnen bzw. wenn es darauf ankommt zu signalisieren, dass bestimmte Informationsinhalte anders zu werten sind als üblicherweise: Hans behauptet, ein Glas Wein würde ihm guttun / tue ihm gut / täte ihm gut. In einem medizinwissenschaftlichen Text, der die Wirksamkeit einer sog. Hochtontherapie einschätzt, heißt es: „Bei der Hochtontherapie sollen elektrische Impulse Zellen und Gewebe positiv stimulieren. Sie sollen zum Beispiel Energie in den Körper einschleusen, den Stoffwechsel normalisieren und vieles mehr.“ Zum einen muss der Leser erkennen, dass das Modalverb „sollen“ hier schlussfolgernd gebraucht wird und nicht fordernd (vgl. „Der Patient soll sofort operiert werden“). Aber auch das schlussfolgernd gebrauchte „sollen“ hat mehrere Bedeutungsnuancen, die von der ‚notwendigen Schlussfolgerung‘ über die ‚erlaubte Annahme‘ bis zur ‚Behauptung, dass es sich so verhält‘ reicht. Es ist daher zu vermuten, dass nur besonders aufmerksame Leser erkennen, dass sich die wissenschaftliche Quelle von den Wirkungsbehauptungen der Hochtontherapie-Verfechter distanziert. Ferner besteht ein hohes Risikio, dass nicht die grammatische Information der Distanzierung im Gedächtnis haften bleibt, sondern lediglich der Inhalt des Wirkungsversprechens, wonach die besagte Therapie den Stoffwechsel normalisiert, Gewebe stimuliert und dem Körper Energie zuführt.

Beispiel 4: Fehlendes Gespür für subjektive Theorien über Krankheiten und Therapien

Teilweise mitbedingt durch die heutigen Möglichkeiten, sich selbst über das Internet zu informieren, entwickeln Patienten subjektive „Theorien“ (Vorstellungen) über Art, Ursache, Verlauf und Therapie ihrer Krankheit. Im Gespräch mit einem Arzt beeinflussen diese Vorstellungen, wie das, was der Arzt sagt, verstanden wird. Das Problem liegt darin, dass viele Ärzte noch zuwenig Gespür dafür haben, dass dasjenige, was sie sagen, durch den Filter der subjektiven Patiententheorie gedeutet wird. Viele Ärzte wären überrascht, wenn sie wüssten, wie groß der Unterschied sein kann zwischen dem, was sie meinen, und dem, was ihre Patienten verstehen. Ein Beispiel dafür, wie Internet-Informationen das Verstehen beeinflussen und subjektive Theorien anregen können, zeigt die folgende Passage aus einer Website für Kinder. Auf dieser Seite wird erklärt, was eine „Erkältung“ auslöst: „Eine Erkältung kommt nicht, weil wir am Tag vorher barfuss gelaufen sind oder mit nassen Haaren vor die Tür, sondern weil winzig kleine Lebewesen in uns reingeschlüpft sind: die Viren.“ An diesem Beispiel lässt sich sehr gut zeigen, dass beim Verstehen immer Schlussfolgerungen auf der Basis von Vorwissen und Gefühlen im Spiel sind. Das Risiko, dass jüngere Kinder bei dem Ausdruck „kleine Lebewesen“ an Ameisen, Fliegen, Würmer oder Ähnliches denken, ist sehr hoch. Nicht auszuschließen ist, dass manche Kinder von solchen Aussagen wochenlang geschockt sind und verstummen, weil ihre Schlussfolgerungen und ihre Fantasie Ängste und Sorgen begünstigen. Im selben Text heißt es dann auch „Viren sind keine richtigen Lebewesen“. Nun werden etliche Kinder beides haben: Angst und das Gefühl, bestimmte Sachverhalte nicht verstehen zu können. Aus textlinguistischer Sicht muss man klar sagen, dass die Autoren an ihrem Qualitätsauftrag, Kinder angemessen über Krankheiten zu informieren, gescheitert sind.

Beispiel 5: Ungünstige Reihenfolge von Informationen

Das letzte Beispiel stammt aus einer Studie des Sprachwissenschaftlers Gerd Fritz („Dynamische Texttheorie“, Gießen 2013). Hier ist das Problem die Informationsreihenfolge eines medizinischen Beipackzettels. Wie standardmäßig vorgesehen, ist der erste Textbaustein die Angabe der Zusammensetzung des Präparats:

Legapas N Tropfen

Zusammensetzung

1 g enthält Fluidextrakt (1:1.0-1.2) aus Cascararinde, entsprechend 40 mg Hydroxyanthracen-Glykosiden, von denen mindestens 45 Prozent Cascaroside sind, beide berechnet als Cascarosid A 977 mg. Fluidextrakt (1:1,3-1,7) aus Mariendistelfrüchten, entsprechend 0,016 mg Silymarin, berechnet als Silybin 4 mg. Fluidextrakt (1:2,0-3,0) aus frischen Schöllkrautwurzeln, entsprechend 0,0027 mg Gesamtalkaloiden, berechnet als Chelidonin 3 mg. Fluidextrakt (1:0,8-1,4) aus frischen Löwenzahnwurzeln mit -kraut. Enthält 25 Vol.-% Alkohol.

„Als in einer Untersuchung zur Verständlichkeit von Packungsbeilagen mögliche Benutzer diesen Text lasen, äußerten sie Kommentare wie die folgenden: „Da lese ich nicht weiter, damit kann ich nichts anfangen“ oder „Die genaue Zusammensetzung würde mich schon interessieren, aber nicht gleich am Anfang. Ich möchte erst wissen, wozu das Medikament gut ist“. Wenn man diesen Benutzerwünschen entgegenkommen möchte, könnte man als erstes Textelement eine allgemeine Kurzcharakteristik des Medikaments vorsehen, wie in der folgenden Version des Texts. Die genaue Zusammensetzung würde man dann an einer späteren Stelle im Text platzieren und in Form einer tabellarischen Übersicht gestalten.

Legapas N Tropfen

Legapas N Tropfen sind ein pflanzliches Mittel zur Behandlung von Lebererkrankungen. Seine Wirkstoffe stammen aus Cascararinde, Mariendistelfrüchten, Schöllkrautwurzeln und Löwenzahnwurzeln. Das Mittel hat eine abführende Wirkung. Es enthält 25 Vol-% Alkohol.

Dieser Optimierungsvorschlag führt mit der Kurzcharakteristik einen neuen funktionalen Baustein ein, der den Text eröffnet, und verändert die globale Sequenzierung so, dass der ursprünglich eröffnende Baustein in der Sequenz nach hinten verschoben“ (S. 627f.) und deutlich besser akzeptiert wird.

Fazit

Wer die Verständlichkeit von Gesundheitsinformationen verbessern will, sollte folgende Einsichten berücksichtigen: Es gibt keine einfachen Rezepte für Verständlichkeit. Wer sich mit Empfehlungen begnügt, wie z. B. Passivsätze durch Aktivsätze und Hautpwörter (Substantive) durch Tun-Wörter (Verben) zu ersetzen, hat nichts von Gestaltbildungs- und Wahrnehmungsprozessen verstanden. Die Rede von „verständlichen Texten“ ist stark verkürzt, wenn nicht gar unsinnig. Stattdessen sind drei Dinge ernst zu nehmen: die Analyse des Schreibprozesses, die Analyse des Textes, die Analyse des Verstehensprozesses (Zielgruppen). Die Unterscheidung zwischen Verstehen und Nicht-Verstehen ist unangemessen. Es gibt vielfältige Formen des Teilverstehens, Andersverstehens und Missverstehens. Ein Text ist eine Datenbasis für Schlussfolgerungen, die Leser auf der Grundlage ihres Vorwissens ziehen. Ein Text enthält Anweisungen für Leser, innere Handlungen zu vollziehen. Dazu gehören z. B. das Schlussfolgern, Vergleichen, Einordnen und Bewerten. Sinn wird demnach nicht einem Text entnommen, sondern Leser konstruieren Sinn. Wer verstanden werden will, muss dafür Sorge tragen, dass die Leser die richtigen Schlussfolgerungen aus den mitgeteilten Informationen ziehen. Das gelingt nur, wenn Texte gute Gestalten sind und wenn zuverlässiges Wissen über Rezeptionsmuster vorhanden ist.

Infos zum Autor
Prof. Dr. Helmut Ebert

Ihr Prof. Dr. Helmut Ebert

ad personam: Herr Dr. Helmut Ebert ist Partner für Kooperationsprojekte mit der praescio GmbH, außerplanmäßiger Professor für Sprach- und Kommunikationswissenschaften an der Universität Bonn sowie Lehrbeauftragter an der Ruhr-Universität Bochum und an der Universität für Gesundheitswissenschaften UMIT (Hall in Tirol). Im UVK-Verlag hat er 2014 ein Buch über „PR-Texte“ veröffentlicht, das sich an PR-Verantwortliche und Studierende der PR/Kommunikationswissenschaft wendet.

Kontakt: mail@helmutebert.de

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